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Landschaft

Gletscher2010

Wer kennt ihn nicht, den unerwartet machtvollen Eindruck, den im Gebirg das Abendsonnenlicht erzeugt, wenn binnen Minuten ganze Berghänge verschattet sind und sie sich im Auge des Betrachters zu einer einheitlichen dunklen Masse verschließen. Der Kontrast zu den „belichteten“ Partien verstärkt die Wirkung und hebt die Grenze, den Grat hervor. Gleichwohl, auch mit zugekniffenem Auge lässt sich die Grenze nie fixieren, sie verläuft unregelmäßig, zerfällt in immer kleinere Abschnitte und entzieht sich vollends beim Blick durch das Fernglas.

Dies könnte eine Seherfahrung sein, die Peter Boué in seiner Fettkreidezeichnung Berge II (1998) thematisiert. Was den Betrachter vor der Natur vom Thema ablenkt – zum Beispiel die materielle Erscheinung von Bäumen, Gesteinsformationen und Wolkenbildung sowie ihre tiefenräumliche Staffelung – wird ausgelöscht. Im Ausstellungsraum stehen wir vor einem Tableau von vergleichsweise bescheidener Größe (30 x 40 cm), das uns mit jedem Zentimeter der Zumutung aussetzt, bloße Kreide-“Flecken“ und gleichzeitig doch auch eine Hochgebirgslandschaft zu sehen.

Die unheimliche Artifizialität der Vermittlung des Naturgegenstands im Werk Boués partizipiert an der Angstlust des Alpen-Wanderers weniger im Sinne der traditionellen Auffassung des Bergs als Auslöser einer Empfindung des Erhabenen, denn es geht hier nicht um das Größenverhältnis von Mensch und Berg. Vielmehr bezieht sich der Zeichner auf den ebenso bedrohlich wie erleuchtend wirkenden Wechsel der Erscheinung der Gebirgslandschaft bei plötzlicher Lichtveränderung.

Das Gebirge mag angesichts der Dramatik seiner Lichtregie einer der dankbarsten Gegenstände sein, doch Boué gelingt es, diese Einschlüsse von Irrealität den verschiedenartigsten Betrachterszenarien zu unuterlegen. Auch die idyllische Seelandschaft oder der Blick durch die Schaufensterscheibe werden in Landschaft/Helikopter (2000) oder Interieur (2000) auf diese Weise in Frage gestellt.

Die ganz eigene Ästhetik von technisch reproduzierten Bildvorlagen – etwa in Reiseführern -, die den Betrachter vermittels Bildlichkeit von realer Landschaft entfernt, um auf sie hinzuführen (der Betrachter soll sie real aufsuchen), wird aus der Perspektive der Zeichnungen Boués erst bewusst, weil er diese Ästhetik einerseits verarbeitet und andererseits verfremdet. Dadurch wird das Verhältnis von Zeichen zu Bezeichnetem so labil, dass auch der Betrachter ins Schwanken gerät.

Marvin Altner, in Katalog STIPENDIATEN 2005

Hrg. BKSM Hamburg 2006

Peter Boué 2010_4025

Röntgen2014

Landung2010

Titan 05

Lichtung2012