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Räume

Käfig2011

Gift und Gegengift

Die Landschaften des in Hamburg geborenen Künstlers und Literaturwissenschaftlers Peter Boué lassen den Betrachter zumeist im wörtlichen Sinn schwarz sehen. Mit fetthaltigem Kreidestift gezeichnete, aufgerasterte und in Schichten aufgetragene Papierarbeiten folgen einem Diktum: paint it black. Sie sind als polyvalent deutbares Betrachterangebot sowohl Reflex auf die gegenwärtige Kunstsituation zwischen stupender Fülle und bildüberfluteter Willkürlichkeiten, als auch ein bewusster Rückgriff auf die ästhetischen Errungenschaften der Künstlerbohéme im 19.Jahrhundert: Redon, Seurat und Whistler nutzten gezielt die akademisch geächtete „Un-Farbe“ Schwarz für ihre visuellen Visionen. Die schon damals vorhandene Konkurrenz zur Fotografie greift Boué bewusst auf, integriert und erweitert die fotografische Ästhetik jedoch zum collagierten Einsprengsel von Schein-Informationen – und schafft so Zeichnungen, die wie Fotos wirken können, aber niemals Fotografien waren. Damit wird die Moderne vom Ende her betrachtet.

Diese Melange aus Zeichnungen und bildhaften Fundstücken (aus Zeitungsdokumenten oder  Filmausschnitten) erbringen als Pseudo-Readymades surrealistischer Provenience ein Bewusstsein, das im Rückgriff auf Natur als Heilungsmetapher an romantische Bedingungen erinnert. Natur und Landschaft werden damit wieder ein Politikum: Gift und Gegengift zugleich für ein gegenwärtiges, instrumentell-technoides Bewusstsein, banalen Materialismus und Wertewillkür. Die durch Medien gebrochenen Bilder haben keine bestimmbare Realität mehr. Wo alles gleichgemacht und eingeebnet wird, ist auch eine Kriegslandschaft von einer vermeintlichen Idylle nicht mehr zu unterscheiden. Globale Medialisierung ist eine Falle für Wahrnehmung und Bewusstsein.

Die Eleganz des Schwarz, auch seine revolutionären Konnotationsmöglichkeiten, überdeckt mit ästhetischem Schein die Ödnis des dahinterliegenden Bildes. Eine Wüste als gleichmässig monotone Landschaft wird Sehnsucht, Flucht und Waffe als Metapher; der individuelle Kampf im industriellen und digitalen Dschungel der Gegenwart wird zum Bild. Peter Boué nutzt mit seiner realistischen Erzählform die Möglichkeit eines restavantgardistischen Spiels über die kunsthistorische Bande, kritisiert damit Tendenzen im kategorienlosen Gewirr von Kunst, Werbung und Pseudo-Information. Die in Serien seit 1998 entstehenden giftigen Landschaften jonglieren mit fotografischer und fernsehfilmischer Bildstruktur, wirken in Maß, Zahl und Ordnung klassisch schön und zeigen doch die Abgründe gegenwärtigen Bewusstseins und seiner Gefahren: giftige Früchte der vollendeten Zivilisation – künstlerische Reflexion als Gegengift.

© 1999/2005 Gunnar F. Gerlach (Translation)

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Gezi2013